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Sizilien, 2. Anlauf

Im letzten Frühling wollte ich ja schon zur Mandelblüte auf Sizilien eine Radtour machen. Leider ist mir da ein Verkehrsunfall dazwischengekommen, bei dem mir ein Autofahrer die Vorfahrt genommen und mich vom Rad geholt hat. Sturz, Bänderriss am Daumen, Krankenhaus... das volle Programm. Dadurch konnte ich die Tour nicht machen. Die gebuchten Zugtickets, die Tourplanung, die Urlaubsplanung ... alles für die Katz. Aber ich habe mir damals gesagt, ich hole das nach. 

Jetzt ist es so weit. Am Donnerstag, 5. März, geht es los. Zunächst mit dem Nachtzug nach Rom. Dort ein Konzert von Magma. Dann am Samstagabend nach Palermo. Von dort quer über die Insel nach Agrigent zum Tal der Tempel, dann die Küste entlang nach Siracusa und wieder mit dem Nachtzug zurück. 

Ich freu mich schon. 

Am Mittwoch, einen Tag vor Abfahrt, packe ich meine Tasche, checke mein Fahrrad - alles ok. Am Donnerstag geht es nach der Arbeit erst mal nach Rosenheim. Ich nehme einen früheren Zug, um etwas Reserve zu haben. Also warte ich in Rosenheim und gegen 23 Uhr fährt der Nachtzug dann ein. Und ich werde positiv überrascht: Die Wagengarnitur ist neu. Mein Abteil ist super in Schuss, sehr modern eingerichtet, farbige Beleuchtung, Sekt zum Emfpang, nett. Das Frühstück am nächsten Morgen ist auch prima. Vor allem ist aber prima, dass ich bis Roma Tirburtina durchfahren kann. Dort angekommen gönne ich mir erst mal einen Espresso. Dann ein bisschen Sightseeing. Der Trevi-Brunnen ist nicht ganz so überfüllt als bei meinem letzten Rom-Besuch im April 2023. Ich schaue mir ein paar der Klassiker an. Spanische Treppe, Petersdom, umrunde den Vatikan und stromere ein bisschen planlos durch die Stadt. Dabei treffe ich die Band BroBusk, die ich auch 2023 schon spielen hörte. Schön. Meine Unterkunft ist eine Wohnung im olympischen Dorf, aus den 1960er Jahren. Die Gebäude sind schon sehr in die Jahre gekommen, aber meine Wohnung ist gut in Schuss und die Entfernung zum Konzertsaal wo die Band Magma auftritt, mein Abendprogramm, beträgt nur 1 km. Das Konzert soll um 9 losgehen, ich bin um 8 schon da. Der Saal ist noch abgesperrt, aber überall lungern - meist ältere - Personen herum, die das Bandzeichen auf T-Shirt oder als Kettenhänger um den Hals haben. Kurz nach 9 geht das Konzert los, der Sound ist nicht perfekt, aber die Stimmung prima. Christian Vander, Bandgründer, ist 78 Jahre, aber er versprüht eine unheimliche Energie. Klasse. Am nächsten Tag stromere ich ein bisschen weiter durch die Stadt und lausche im Circus Maximus einer Jam Session von Percussionisten. 

Wo vor 2000 Jahren Wagenrennen und Gladiatorenkämpfe stattfanden, ist heute friedliche Kooperation angesagt:

Am Abend nehme ich dann den Nachtzug nach Palermo. Der italienische Wagon ist schon etwas älter, aber auch diese Nachtfahrt genieße ich. Das sanfte Schaukeln und die vorbeiziehenden Lichter schläfern mich ein. Um halb 4 in der Früh geht es auf die Fähre. Eine reine Eisenbahnfähre, ein echtes Schauspiel. Nachdem die Züge auf der Fähre sind, dürfen wir Fahrgäste sogar aussteigen. Die eigentliche Überfahrt nach Messina dauert nur 30 min, aber das Rangieren davor und danach sowie das Auf- und Abfahren dauert einfach. Am Morgen gibt es dann ein italienisches Frühstück: Einen Caffe. Zwieback, Saft, Cornetto, Reiswaffeln. Staubt ein bisschen, aber in Ordnung. Der Caffe ist sogar ziemlich gut. Überpünktlich kommen wir in Palermo an. Dort hat es gerade aufgehört zu regnen. Palermo ist keine schöne Stadt. Und so mache ich mich gleich auf den Weg, die Insel zu durchqueren. 

Auf kleinen Nebenstraßen geht es bergauf. Nach Vicari, einem Zwischenpunkt meiner Route, muss ich alleine 600 Höhenmeter überwinden, z. T. mit über 17% Steigung. Ich freue mich an dieser Stelle über mein Schlumpf-Getriebe und die kleine Entfaltung von 0.9m. Zwischendrin scheint die Sonne, aber ab Mittag wird es zunehmend schlechter, am späten Nachmittag gewittert es. Und es hört nicht auf. Also heißt es, in der Nähe eine Unterkunft finden. Ich suche ein Hotel aus, das nicht gerade günstig, aber gut gelegen ist. Zum Glück bekomme ich dort auch was zu essen. Auch das Frühstück am nächsten Morgen ist prima. 
Als ich aufbreche, ist die Straße noch nass, aber ich denke mir noch nichts dabei. Nach einigen Kilometern verwandet sich die Straße in ein Schlammloch. Ich taste mich durch, trage mein Rad streckenweise. Dann später ein zweites und drittes Schlammloch. Umkehren ist irgendwann genauso mistig wie weiterfahren bzw. weiterschieben/-tragen. Und irgendwann bin ich dann durch die Senke durch. Aber mein Rad ist so voller Schlamm, dass die Räder sich schon nicht mehr drehen. Erstaunlicherweise funktioniert die Schaltung aber noch. An diesem Tag will ich aber unbedingt nach Agrigento, das Tal der Tempel besichtigen. Ich kratze also den Schlamm von Felgen, Speichen, Schutzblechen, Rahmen usw. und fahre dann mit meinem braunen Rad und braunen Schuhen zu den Tempeln, besichtige diese wirklich beeindruckende Anlage (die weniger ein Tal sondern vielmehr eine Anhöhe ist) und fahre dann weiter, um eine Waschanlage zu finden, um mein Rad vor der nächsten Übernachtung noch zu reinigen. 

Es gibt zwar viele Tankstellen, aber die sind alle mit Tankautomaten ausgestattet, Waschanlagen sind selten. Irgendwann finde ich eine, die Spritzpistolen hat, 4 oder 5 verschiedene. Irgendwann habe ich dann raus, wie man die Anlage bedient und welche Spritze ich mit welchem Knopf in Gang setze. Nach einigen Durchläufen - vorsichtig, damit die Lager keine Wasser abbekommen - ist mein Rad dann sauber. Aber meine Füße nicht. Also spritze ich auch die noch ab, habe dann zwar nasse aber saubere Schuhe. Die Sauberkeit bleibt (hoffentlich), die Nässe geht (hoffentlich auch). 

 

Und dann geht es die Küste entlang. Meist auf Staatsstraßen, wo der Verkehr relativ stark und die Überholabstände nicht existent sind (obwohl gesetzlich 1.5 m vorgeschrieben sind, interessiert niemanden, ich reiße mich zusammen um nicht hinterherzupulvern). 
Immer wieder komme ich an Zitronenplantagen vorbei. Übervoll sind die Bäume. Ich probiere 2 Zitronen. Beim Aufschneiden duften sie wundervoll, sie sind sauer aber erfrischend, herrlich. 

Nach 4 Tagen, 400 km und 4400 Höhenmetern komme ich in Siracusa an. Ich habe noch einen Tag Reserve, den ich nutzen möchte, per Bahn um den Ätna herumzufahren. Es soll eine historische Schmalspurbahn geben, darüber habe ich mal einen Bericht im Fernsehen gesehen. Also in der Früh per Bahn nach Catalania, dann mit der Metro nach Nesima, dort in den Bus (die Bushaltestelle zu finden war das schwierigste, sie ist nach dem Verlassen der Metrostation auf der nördlichen stadteinwärts gelegenen Seite). Es ist hilfreich, vorab ein Ticket per Automat oder App zu kaufen, sonst nimmt der Busfahrer einen nicht mit, zwei andere Deutsche kamen gerade so auf die letzte Minute noch mit.

 

Mit dem Bus geht es dann nach Paterno, dort beginnt die noch intakte Strecke der Schmalspurbahn. Leider waren die historischen Züge nicht in Betrieb, wir sind mit "modernen" Zügen - auch im Schmalspurformat - gefahren, einmal mit Umsteigen in Randazzo in einen anderen Zug, leider auch nicht historisch, und dann wieder in Linguaglossa wieder in den Bus, weil auch am Ende der Schmalspurstrecke ein Stück nicht befahrbar ist. Von Riposto ging es dann per Bahn wieder nach Catiania und weiter nach Siracusa. So viele Tickets wie an diesem Tag habe ich noch selten gelöst. :-)

 

Am nächsten Abend ging es dann wieder nach Hause - 24 h für 1500 km, 1 h Verspätung (was ich absolut in Ordnung finde für diese Strecke, beim Autofahren wäre nur 1 h Stau auf eine solche Strecke traumhaft).

Was nehme ich mit von der Tour? Die vielen schönen Zitronenbäume, den wundervollen Zitronenduft beim Aufschneiden und das tolle Meer - blau, blaugrün, türkis. Wunderbar.

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